Kapitel 54

Hausgemeinschaft liest.

Diese Woche liest eine Hausgemeinschaft aus der Danziger Straße in Berlin – Prenzlauer Berg.

Formal bildet jedes Haus mit mehreren Wohnparteien eine Hausgemeinschaft. Im engeren Sinne spricht man erst dann davon, wenn die Wohnparteien auch untereinander Kontakt haben und haben wollen. Bei denen, die diese Woche vorlesen, ist das so.

Das Haus wurde zwischen 1880 und 1890 gebaut. Es war ein schönes Haus – mit Marmor und Messing und Spiegeln und Medaillons mit Schäferszenen im Treppenhaus. Im 2. Weltkrieg schlug direkt vor dem Haus eine große Fliegerbombe ein.

Sie demolierte das Haus, aber nicht die Hausgemeinschaft. Man kannte die Leute rechts und links und oben und unten. Im Hof wurden Feste gefeiert, für Jung und Alt. Auch die Oma von Helga Bartsch wohnte im Haus. Sie war die Erste, die einen Gasherd von Junkers aus Dessau hatte. Dort buk das ganze Haus Kuchen.

Heute ist das nicht mehr so. Die Entwicklung vom Arbeiterviertel zum Stadtteil für Besserverdienende hat mit den Jahren zu einem Bevölkerungsaustausch geführt. Nur 30 Prozent der Wendezeit-Bewohner leben heute noch im Prenzlauer Berg.

In dieser Woche beginnt die Sanierung des Hauses. Die Hausgemeinschaft sieht ihr mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Mieten werden steigen. Wer wird bleiben?