Kapitel 34

Elfriede Brüning liest.

Elfriede Brüning ist 98 Jahre alt. Sie hat fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte erlebt – die Weltwirtschaftskrise, den Nazi-Wahnsinn, die Euphorie des sozialistischen Aufbaus, das Verkommen der DDR und ihren Untergang, die Wende, …

Elfriede Brüning kann erzählen. Wir sollten sie ausfragen.

1910 als Tochter eines Tischlermeisters und einer Näherin in Berlin geboren, begann sie bereits mit sechzehn Jahren Reportagen und Feuilletons zu schreiben, die in den großen überregionalen Zeitungen – Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Frankfurter Zeitung – erschienen. 1930 war sie in die Kommunistische Partei eingetreten und 1932 wurde sie Mitglied im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, dem unter anderen Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ludwig Renn und Johannes R. Becher angehörten.

In den ersten Jahren des Dritten Reiches arbeitete Elfriede Brüning im kommunistischen Widerstand. Ende 1935 wurde die Autorin inhaftiert; der Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat gegen sie endete 1937 mit einem Freispruch. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte sie ab 1943 auf dem Gut ihrer Schwiegereltern in der Magdeburger Börde.

Elfriede Brüning kehrte 1945 zurück nach Berlin. Ab 1950 lebte und arbeitete sie als freie Schriftstellerin in der DDR, wo sie in verschiedenen Verlagen sechzehn Bücher herausbrachte und eine viel und gerne gelesene sowie heftig diskutierte Schriftstellerin war.

Ihr bekanntestes Buch heißt „Regine Haberkorn“. Der SPIEGEL schreibt 1956: „Der Facharbeiter Erwin Haberkorn – Romanfigur einer Ostberliner Neuerscheinung – ist nicht der erste Mann, der eines Tages zwischen der Geliebten und der Frau zu wählen hat. Er ist auch nicht der erste, der – nach manchem Hin und Her – dann doch zu seiner legitimen Frau hält. Neu sind indessen Motive und Begleitumstände dieser Entscheidung.“

Der Roman ist auch heute noch lesenswert. Er atmet die Begeisterung für den sozialistischen Aufbau. Gleichzeitig beschreibt er aber auch das, was später zum Scheitern des großen Experiments „Sozialismus“ geführt hat.

Elfriede Brüning hat den Untergang der DDR mit großem Bedauern erlebt. Heute fühlt sie sich, als wäre sie vom Regen in die Traufe geraten. Sie ist eine ganz ungewöhnliche Frau, die nicht mit Verbitterung auf die Vergangenheit reagiert.

Außerdem haben wir Elfriede Brüning gebeten, aus drei verbrannten Büchern zu lesen. Eine Liste der Autoren, deren Bücher damals verbrannt wurden, finden Sie hier.

Gerade ist Elfriede Brünings neues Buch erschienen: „Ich musste einfach schreiben, unbedingt … – Briefwechsel mit Zeitgenossen 1930 – 2007“ (Hrsg. Elenore Sent, Klartext Verlag) Die Korrespondenzen zeigen die Autorin im Austausch mit befreundeten Schriftstellern, literarischen Mentoren, Kritikern, Verlegern und Lektoren. Wichtige, immer wieder aufgegriffene Themen sind Möglichkeiten des Schreibens in der NS-Zeit, Literatur im Exil und in der „inneren Emigration“; Widerstand und Terror in Nationalsozialismus und Kommunismus; die Arbeit des BPRS in der Illegalität nach 1933, DDR-Literatur und Zensur, Diskussionen um den ästhetischen Anspruch von Unterhaltungsliteratur.