Kapitel 1

Wie mir die Wachau erlesen wurde

Geht man nachts in Spitz spazieren, ist es still. Es ist die Art der Stille, die heute langsam von der Moderne erstickt wird. Der Weg vom Schloss runter an die Donau führt durch den Ort – und durch die Zeit. Das nächtliche Spitz ist seit Jahrhunderten so. Nur das elektrische Licht ist neu.

Dann, unten an der schwarzen Donau, dachte ich an die Elbe. Geboren bin ich in Dessau, aufgewachsen am Stadtrand in Ziebigk. Ging ich hinter dem Feld am Beckerbruch entlang zum Leopoldshafen, war ich in wenigen Minuten am Fluss. Fahre ich heute nach Dessau, überquert der Zug hinter Roßlau die Elbbrücke und ich sehe die Elbe in ihren Auen – endlose Wiesen, die den Fluss begleiten, Eichen-bestanden. Wenn es im Frühjahr nach dem Hochwasser nochmal fror, wurden die Wiesen Eisflächen. Dort war ich Kind, mits Rad und mit Gummistibbeln. Das ist Heimat.

Und so stand ich an der Donau und frug mich: Heimat. Ist das die Landschaft? Sind es die Leute?

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(* weiter in Kapitel 2)

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VolksLesen erkundet auf Einladung der Europäischen Literaturtage von Juli bis September 2011 die Leselandschaft Wachau. Bewohner der Wachau lesen aus Büchern vor, die Ihnen am Herzen liegen.

Die Wachau ist ein Stück Donautal im nördlichen Österreich zwischen Melk und Krems. Ihr Name signalisiert nicht nur Weltkulturerbe, Tourismuszentrum, Wein- und Marillen-Eldorado. Mit den Europäischen Literaturtagen wird sie jährlich zum Treffpunkt von internationalen Autoren und Literaturvermittlern, offener Durchgangsort für den Dialog mit anderen Kulturen und über Modernität.

VolksLesen erkundet nun die Interessen und Phantasien der Menschen, die in der Wachau leben. Woche für Woche entsteht damit ein Mosaik, das ein gesellschaftliches Spektrum dieser weltberühmten Gegend zeigt.

VolksLesen.tv in der Wachau wird betreut und gestaltet von Helfried Kriener.

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VolksLesen erkundet die Wachau auf Einladung der Europäischen Literaturtage