Kapitel 104

Migranten lesen.

Leider ist es nicht einfach, sich als Fremder in eine noch unbekannte Gesellschaft zu integrieren. Das liegt nicht nur an der Trauer um die ferne Heimat, sondern auch am Verlust des Gewohnten, der Freunde und der sozialen und moralischen Orientierungspunkte. Die mitgebrachten Lebenserfahrungen und Gewohnheiten stimmen nicht mit den hiesigen Gebräuchen überein.

Ein zusätzliches Problem ist die innere Trennung der Familien. Die Eltern sprechen eine andere Sprache, als ihre Kinder. Die Eltern der Vorleser sind aus Russland eingewandert und sprechen ihre Muttersprache. Die Kinder wachsen mit der deutschen Sprache auf. Die Vorleser dieser Woche besuchen beim Lichtstrahl e.V. den Russisch-Kurs für Kinder, um die Verbindung zu ihren kulturellen Wurzeln nicht zu verlieren.

Der Lichtstrahl e.V. hilft Einwanderern bei der Eingewöhnung. Der Name des Vereins ist der Erzählung „Ein Lichtstrahl im finstren Reich“ von Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow (1836 – 1861) entlehnt, der schreibt: „Somit ist der Patriotismus bei einem anständigen Menschen nichts anderes als der Wunsch, für das eigene Land zu wirken, und er entstammt keinem anderen Gefühl als dem Wunsch, Gutes zu tun, soviel wie möglich und so gut wie möglich. Daher kann niemand hervorragenden Männern einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Tätigkeit aus einem Lande in ein anderes verlegen, da sie der Ansicht sind, dass sie dort nützlicher sein können als in der eigenen Heimat.“