Kapitel 5

Bademeister lesen.

In Zürich blüht die Kultur und ganz besonders die Badekultur. Wohl nirgends gibt es mehr Badeanstalten – von den Einheimischen liebevoll „Badi“ genannt. Keine Badi gleicht der anderen; eine ist schöner als die nächste. Es gibt Strand- und Seebadis, Fluss- und Freibadis, Männer- und Frauenbadi und für Literaturfreunde die Max-Frisch-Badi. Das ist der einzige größere Bau, den der große Schweizer als Architekt plante und stolz Bertolt Brecht zeigte, als der zu Besuch kam.

In dieser Woche lesen die Bademeister der Badi Enge auf dem Zürichsee, die sommers Seebad ist, und winters Sauna. Von der schwimmenden Anlage blickt man über den ausgedehnten Zürichsee auf das anderseitige Ufer und das Alpen-Panorama. Der See ist bald sanft, bald stürmisch. Du schaust während des Badens öfters hinauf in den Himmel und hinaus in die weite, zarte, weiche Ferne. Die Fahnen flattern im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern zu sehen. Der See hat etwas Raumloses und der Himmel etwas den See Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes.

Auf allen Planken lagern ruhende, leise plaudernde Menschen. Wenn man hier sitzt, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Auch an flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlt es nicht und auch nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behalten, bis sie schließlich den Mut oder das Wort finden, ihre Dame anzusprechen. Manch einem wird hier der Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt. Wolken und Winde fliegen über die Badi, und so lange diese Gebilde Lust haben dazubleiben, möchte es den Besucher auch nicht ans Fortgehen mahnen. Ja, in der Badi Enge wird ganz gewaltig gefaulenzt, und eben das ist ja das Schöne.